Programm

INTENSITÄT. FORDERUNG. TIEFGANG. SENSIBILITÄT. FERNWEH. ELEGANZ. RAFFINESSE. TEMPERAMENT. EMOTIONEN. EMPATHIE. FREUDE. LÄSSIGKEIT. KÖNNEN.

Da unsere Titel Eigenkompositionen sind, trägt jedes Stück eine kleine Geschichte in sich...

Unser Programm zum 50. Jubiläum der Jazzwoche Burghausen besteht aus Eigenkompositionen; bis auf eine Ausnahme: „To Brenda with love“ des kubanischen Saxophonisten Paquito D' Rivera. Der schnelle  Jazz-Samba könnte die Verschmelzung von Jazz, Latin und symphonischem Orchester nicht besser zum Ausdruck bringen. Und damit dieses Stück noch ein bisschen weitergeht, schrieb Christoph König eine spannende Reprise dazu. Leadsaxophon: Holger Rohn

Zugegeben, einen Titel „Sehr geehrter Herr König“ zu nennen, klingt sperrig und fremd. Schließlich ist diese Anrede normalerweise für offizielle Briefe bestimmt. Was aber, wenn der Adressat der Komposition tatsächlich ein von mir sehr geschätzter Mensch, Kollege und Musiker ist, dem man unbedingt ein Stück schenken will? Ich kam einfach nicht umhin, diesen Titel augenzwinkernd „Sehr geehrter Herr König“ zu nennen und ihn Christoph König, Orchestrator von Latin-Jazz Sinfónica! und Jazz-Violinist, zu widmen. Der im medium Swing angelegte Titel wechselt nach der Bridge in einen  treibenden Latin-Groove, über dem lange, schwebende orchestrale Linien liegen. Und damit auch jede Stimme an seinem richtigen Platz ist, wurde die Nummer von Komponist und Arrangeur Christian Dominik Dellacher perfekt in Noten umgesetzt. 

Ramón Vallé, kürzlich mit dem kubanischen Grammy „Cubadisco“ ausgezeichnet, schreibt nicht nur virtuose Trio-Stücke, sondern auch sehr aufwändige Orchester-Werke, die er bereits mit einigen Orchestern aufführte. In Burghausen sind nun einige seiner Kompositionen zu hören, u.a. The Sinfonietta-Cinco Hermanas. Ob er damit seine 5 Schwestern meinte, muss noch herausgefunden werden. Die durch und durch kubanische Latin-Jazz-Komposition treibt ein Cha Cha-Groove an und lässt viel Raum für Ramóns Improvisationen am Piano. Begleitet wird das Stück von Jamie Peet an den Drums und Omar Rodriguez Calvo am Bass.

Guantanamera. Das Stück ist eine sehr spannende, freie Bearbeitung von Ramón. Und sie kommt ohne die verklärte, transzendentale Aura aus, die dem Zuhörer verschiedener bereits bestehender Bearbeitungen taxfrei zugeschlagen wird. Ich will nicht zu viel verraten, nur, dass Guantanamera einige Überraschungen parat hält.

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. So weit, so üblich. Medikamente können unumstritten ein Segen sein, wenn ihre Nebenwirkung nicht größer als die Wirkung ist. Was aber, wenn sie plötzlich aus dem Verkehr gezogen werden, weil sie zu gefährliche Nebenwirkungen haben, die man bereits spürt? Man schreibt noch schnell ein Stück, nennt es wie das Medikament und hofft, dass man Glück hat und  - dass es vielleicht mal auf die Bühne kommt. Komponist und Musikstück hatten Glück und kommen auf die Bühne. VIOXX beginnt schwebend und wechselt im wiederholten Thema in einen funky Groove, über dem emotional-intensive melodramatische Linien schweben.

Timeless Generations. Der orchestrierte Latin-Jazz-Titel von Ramón Valle ist eine packende, treibende Eigenkomposition, die sowohl den klassischen Musikern als auch den Jazz-Musikern genug Platz zwischen den synkopierten Backings der Features lässt.

Vielleicht lag es daran, dass König mit der Zeit Gefallen am Süddeutschen Sprachgebrauch und dem überall liebevoll angehängten „le“ fand und deshalb  seine Komposition „Stück-le“ nannte? Ich werde ihn mal danach fragen und vielleicht sagt er dann: „Ja, so ist das, Mäd-le“. Dieser Titel ist wie all seine Kompositionen tiefgehend und sehr feinsinnig. Das Stück stellt die vielen klassischen Instrumente des Orchesters in seiner ganzen Klangvielfalt vor. Begleitet wird es von einer sparsam angelegten Perkussion, das jede noch so filigrane Nuance der Streicher und Bläser transparent erscheinen lässt.

Der Altsaxophonist von Latin-Jazz Sinfónica! Matthias Anton kann nicht nur unverwechselbare beeindruckende Soli über Jazz-Voicings abdrücken und damit seinen Kollegen und dem Publikum ein Strahlen ins Gesicht zaubern. Er ist auch ein verdammt guter Komponist. El Lupo ist zweifelsohne eine Nummer, die treibt und bei der Fusion-Jazz-Fans voll auf ihre Kosten kommen. Orchestriert wurde das Stück von Ch. König. 

Wölfe sind wachsame, umtriebige und gefährliche Wesen. Sie schleichen ständig herum, bis sie Beute wittern, losrennen und zuschnappen. Die Narben, die ein Wolf hinterlässt, sind das Ergebnis seiner Bisse, die auch mal gefährlich werden können. „Lupo“ oder auch systemic Lupus ist meine musikalische Sicht auf die vielen Begegnungen mit dem Wolf und dem, was er hinterlässt. Der medium Swing kommt daher zunächst elegant und leichtfüßig daher, wird aber zunehmend dichter, energetischer und intensiver, bis es stoppt, um mit voller Kraft zuzuschnappen. Danach löst sich die Spannung wieder auf, und der Wolf trabt zufrieden weiter. 

Ein Versuch ist die gelungene Komposition von Gitarrist Heiko Gottberg mit Sicherheit nicht, auch wenn der Titel dies vermuten lässt. „Try“ - im Thema luftig und nah, bekommt das Stück Weite in den orchestral angelegten Refrains. Danke Heiko für dieses wunderbare jazzige Latin-Stück, bei dem man jedes Mal anfängt zu fliegen.

Es ist (m)eine kleine Liebeserklärung an einen Ort in Trentino: Meran. Bis man die zauberhafte Stadt erreicht, führt der Weg über den Reschenpass, der sich über ein langes weites Tal erstreckt und schließlich zwischen Bergen und Palmen endet. Der Weg über den Pass nach Meran  - es sind große Gefühle in Musik umgesetzt. Das Intro des Stücks ist weit und groß, das Thema spiegelt die lebendige Stadt wieder...

El Cumbanchero - Ramón Valle. Das Stück wirkt trotz seiner teils dicht gesetzten Orchestrierung leicht und beschwingt. Im hinteren Teil der Nummer umgibt das Stück durch die langen tragenden Linien eine sehnsuchtsvolle Aura, welche immer wieder durch zügige Stakkato-Phrasen im Orchester aufgehoben werden. Ein kurzweiliges, spannendes und wunderbares Stück.

Der Guajira ist die langsamere Version des Cha-Cha-Cha. Mit Johana bringt Ramón eine anmutend klingende Komposition auf die Bühne, die einen im Gefühl sofort da hinbringt, wo diese Musik einst entstand: Nach Cuba. Johanna ist wie die Insel, einfach traumhaft schön. 

Bis mich dieses Stück erreichte, bekam ich schon einige Bearbeitungen und Kompositionen von Christoph König. Allesamt durchgehend unfassbar schöne Werke, zu denen ich jeweils die Perkussions-Stimmen setzte. Aber als er mir dann die finale Datei seines little waltz in 5 für die Percussion-Bearbeitung sandte, musste ich mich erstmal sammeln. Wie harmonisch Jazz und klassische Instrumente klingen können, wenn sie so feinsinnig aufeinander abgestimmt werden. Little Waltz klingt wie ein Walzer und ist doch ein 5/8. Das ist genial. 

Viel Freude bei unserem Konzert wünschen

Julia Diederich, Christoph König, Andreas Schulz und das Orchester der Neuen Philharmonie Berlin