Die Vision eines Klangs

Die Idee eines Latin-Jazz Orchesters war bereits 2003 entstanden. In jener Zeit, als sich gerade die Afro-Cuban City Big Band formierte und einen Sound präsentierte, der an die großen Mambo-Orchester von Perez Prado und Tito Puente erinnerte. Die 22-köpfige Big Band war ein Genuss, ließ mich aber eines immer wieder vermissen: ein begleitendes, klassisch besetztes Orchester, das all den Stücken Tiefe und Eleganz verleiht. Denn auch die klassische Musik war und ist mir ein wichtiger Wegbegleiter. Würde man die Lässigkeit und Virtuosität des Jazz mit traditionellen Latein-Amerikanischen Rhythmen und einem modernen Orchester kombinieren, würde daraus ein völlig neuer Klang entstehen. So die Idealvorstellung eines Musikers, wenn er alle Möglichkeiten hat und Register ziehen kann. Leider war dies zu der Zeit nicht zu realisieren. Jazz-begeisterte klassische Musiker waren und sind bis heute ebenso rar, wie die Möglichkeit mit dem dreifachen an Musikern Auftritte zu bekommen. 60 Musiker würde es womöglich auch brauchen, um so einen Sound zu produzieren.

Ob es Zufall war, dass ich erst viele Jahre später zunächst auf Andreas Schulz und später auf Christoph König stieß, möchte ich bezweifeln. Es schien eher so, als fiel Andreas, Christoph und mir durch die Begegnung etwas zu: die Chance, etwas völlig Neues entstehen zu lassen; denn sowohl den Dirigenten der Neuen Philharmonie Berlin als auch den Jazz-Geiger und Orchestrator König verfolgte der Wunsch nach so einer Melange bereits längere Zeit. Beiden erging es aber wie mir: mal fehlten die Latin-Jazz-Musiker, mal der Arrangeur, dem andern das Orchester, mal Orchestrator und Orchester. Um so einen großen Klang überhaupt entstehen zu lassen, braucht es mehr als nur die Idee davon. Es braucht neben viel Leidenschaft und Durchhaltevermögen vor allem Mut und Entschlossenheit. Und eine glückliche Fügung.

Cuban Sugar und der Glücksfall Christoph König

Das erste und „zufällige“ Treffen von Andreas Schulz und mir begossen wir mit dem Vorhaben, in Kontakt zu bleiben und zusammen zu arbeiten. Wir erkannten sofort, dass aus dieser Begegnung etwas ganz Wunderbares entstehen kann, denn er hatte das Orchester und ich die Latin-Jazz-Musiker. Musiker, die allesamt darauf warteten, mal etwas völlig Neues zu spielen. Mit ihm und seinem Orchester meine Klangvorstellung auf die Bühne zu bringen, beflügelte sofort und weckte eine unglaubliche Neugier und Schaffenskraft. Bevor Christoph dazu kam, gingen aber noch viele Monate ins Land.

Es war „Cuban Sugar“, eine gelungene Latin-Jazz-Version von Tschaikowskys Zuckerfee, die mich schon längere Zeit faszinierte und mich dann dazu bewog, den Arrangeur dieser charmanten Nummer ausfindig zu machen. Das Arrangement stammte aus der Feder von Sverre Indris Joner, eingespielt und produziert von „Klazz-Brothers&Cuba Percussion“ zusammen mit dem Bayrischen Rundfunkorchester. So viel konnte ich dank des CD-Booklets schon mal erfahren. Dieses Stück musste ich unbedingt spielen, das war klar. Der Kontaktversuch zu Indris lief ins Leere, der zu den Arrangements brachte mich zum Rundfunkorchester, aber dort konnte man mir nicht weiterhelfen. Das deutsche Noten-Zentralarchiv - dort mussten sie noch sein, aber dort waren die Noten bereits vernichtet, oder Klazz zog sie nach der Einspielung wieder zurück, wurde mir erzählt. Cuban Sugar. Also blieb mir nur noch, Klazz direkt zu kontaktieren.

Und Strike. Ich bekam dort nicht nur das OK, das Stück für ein paar Konzerte ausleihen zu dürfen, sondern noch dazu den wohl besten und wertvollsten Kontakt in dieser Zeit; den zu Christoph König.

Voller Hoffnung, aber gleichzeitig auch bereits leicht desillusioniert, wählte ich seine Nummer und erzählte ihm von meiner Idee. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich weltweit ein gefühltes Dutzend Arrangeure angefragt, aber keiner wollte oder konnte diese Aufgabe übernehmen. Es musste also schon mit einem großen Glück einhergehen, um in Christoph genau den jetzt zu finden. Ein Musiker, der das Orchester als Klangapparat genauso liebte, dem Jazz längst verfallen war und Latin hochspannend fand. König war nicht nur Orchestermusiker und ausgebildeter Jazz-Geiger, sondern auch Arrangeur und Orchestrator, das verriet mir bereits das Management von Klazz.

 „Doch, ja, klingt interessant, schick’ mir mal was zu“. Christoph’s Stimme klang verhalten. Routiniert stellte ich die Dateien zusammen, sendete sie ihm zu und wartete gespannt, was passiert. Eine Anmerkung: Unter Musikern bedeutet „klingt interessant“ genau das Gegenteil. Es ist in diesem Bereich gang und gäbe dem anderen auf liebevolle Art zu sagen, dass man es nicht wirklich gut findet, sei es eine Komposition, eine Auftritts-Anfrage, die Gage, das Programm und noch vieles mehr. Dass Christoph aber daran sehr interessiert war, stellte sich kurze Zeit später heraus, als er noch am selben Tag zurück rief und zusagte. Ja, man nuss auch mal Glück haben.


Stück für Stück entstanden in den anschließenden Monaten in gemeinsamer Arbeit die anspruchsvolle Orchestrierung auf Eigenkompositionen und bereits bestehende Arrangements. Um den Klang des Orchesters zu vervollständigen, bedurfte es jedoch hochkarätiger Unterstützung von virtuosen Jazz- und Latin-Musikern. Holger Rohn und Tom Timmler am Tenorsax, Matthias Anton am Altsax, Schlagzeuger Matthias Füchsle, German Klaiber am Bass, Gitarrist Heiko Gottberg und Nicolas de Haen, Pianist der Constellation Big Band, sagten sofort zu. Die Trompeten übernahmen Christian Ehringer und Tom Hilbert, und für die Moderation dieses Programms konnte Sänger und Moderator Rainer Lenz gewonnen werden. Musiker, die zum Teil bereits bei der Afro-Cuban City Big Band spielten.

Schwieriger gestaltete sich die Suche nach Perkussionisten. Sie sollten nicht nur gute Leser sein, sondern sowohl kubanische als auch brasilianische und klassische Percussions-Instrumente beherrschen - und Lust auf Jazz, vertrackte Rhythmen und Orchesterklang mitbringen. Solche Musiker sind äußerst selten und total ausgebucht. Mit Alexis Herrera Rodriguez, Timbalero der Klazz Brothers, Latin-Perkussionist Maxim Zettel und Eduardo Mota fand ich aber genau die, und das Percussion-Dreamteam war perfekt. Vor allem die Zusage von Maxim war eine große Überraschung und Freude. Er sprang kurzfristig ein, da der zuerst Angefragte leider verhindert war und ihn als Ersatz anfragte. Das letzte Mal gesehen und gehört hatten Maxim und ich uns in Rotterdam, da saßen wir noch als Studenten nebeneinander. Zwei Jahrzehnte später nun endlich auch mal auf einer Bühne. Eduardo war ebenfalls in letzter Sekunde eingesprungen, da Schulz’ Perkussionist während der Orchester-Probenphase absagen musste. Bekommen hat das Orchester als Ersatz einen Musiker, der wie wenig andere sowohl am klassischen Schlagwerk als auch an der Latin-Percussion glänzte. „Unser Sonnenschein“, wie wir ihn irgendwann alle nannten, geht auf seine ruhige, aber kraftvolle Art zurück. Ihn spielen zu hören und zu sehen, wärmt. Alexis’, der vierte Perkussionist im Bunde, rundete durch seinen authentisch anmutenden Spielstil und seine durch und durch kubanische Art das Perkussions-Team wunderbar ab.

Die Katze im Sack

Das 65 Musiker große Orchester hatte ich nun beisammen, und auch die Stücke nahmen immer mehr Gestalt an. Das war aber auch schon alles, und es war zu wenig, um damit potentielle Veranstalter anzuschreiben. Außer ein paar Noten und einem Logo hatte ich nichts, was ich präsentieren konnte. Welcher Veranstalter geht schon so ein Risiko ein und bucht mal eben einen so dermaßen großen Haufen Musiker plus knapp 10 Leute Tourcrew, ohne zu hören, wie die Truppe dann klingt? Keiner. Da war sie also, die berühmte Katze im Sack, die keiner kaufen wollte. Also blieb nichts andres übrig, als selbst der Veranstalter zu sein und damit in das volle Risiko zu gehen. Jetzt gab es aber kein Zurück mehr, also rekrutierte ich erst mal ein professionelles PR-Team und einen Routing-Planer. Entweder würden wir es schaffen, allein mit Werbetexten, einem Logo und Plakaten ein paar Zuhörer in die Hallen zu locken oder nicht. Ich wollte und musste es riskieren. Dass sich die Kosten gerade mal so decken würden, wenn jeder nun gebuchte Saal restlos ausverkauft wäre, war logisch. Alle hatten Bedenken, ob dies auch nur ansatzweise zu schaffen war. Trotz des hohen Arbeitspensums aller Beteiligten hörte ich nie auf, an diese Musik und das, was sie fähig war zu transportieren, zu glauben und schenkte allen Mitarbeitern das größtmögliche Vertrauen in Ihre Arbeit.

Der erste gemeinsam gespielte Ton

Bis zum ersten gemeinsam gespielten Ton vergingen viele Monate voller Proben und der Tourplanung. Wer glaubt, dass sich ein Musiker, eine Band, ein Dirigent oder ein Orchester doch nur um die Musik kümmern muss, der liegt falsch. Sicher, das wäre schön, aber um Auftritte zu bekommen, diese zu planen, zu organisieren und vor allem zu kalkulieren und zu finanzieren, sitzt man die meiste Zeit am Schreibtisch. Um sich Musik leisten zu können –  also meistens die eigenen Projekte – muss man in der Regel aufgrund der oft sehr spärlichen Gagen zusätzlich arbeiten gehen. Die vielen Stunden, in denen ein Musiker dann noch zusätzlich an seinen Kompositionen oder in seinem Proberaum verbringt, nicht mitgerechnet.

Die Proben des Orchesters waren kein wirkliches Vergnügen. Den klassischen Musikern kamen die Stücke unvollständig vor, was daran lag, dass es etliche Stellen in den Noten gab, in denen einzelne Musiker oder gleich ganze Register nichts zu spielen hatten. Diese Lücken füllten die Jazzmusiker aus, doch die probten aus zeitlichen Gründen getrennt vom Orchester, 800 Kilometer südlich von Berlin. Für beide Gruppen ergaben also die Noten, die Christoph und ich dem Orchester vorlegten, so erst mal wenig Sinn, und das sorgte nicht gerade für eine heitere Stimmung. Zum Glück wich die Skepsis, als alle 65 Musiker zusammen den ersten Ton spielten. Wir, die Jazz-Musiker, konnten nun spüren, wie es sich anhört, wenn die klassischen Musiker dazu spielen. Und die klassischen Musiker hörten, wer oder was die fehlenden Noten in ihren Stimmen ergänzte. Das eine kam ohne das andere nicht aus. So musste es sein. Das Wichtigste für Christoph und mich war von Beginn an, dass das Orchester nicht zur Deko wird, sondern genauso wichtig wie die Jazz-Musiker sind. Die ersten Takte füllten den Raum und bescherten nach über einem Jahr Vorarbeit einen unbeschreiblichen Moment. Ein Kaleidoskop an Klangfarben flirrte durch die Luft. Genau so musste Latin-Jazz Sinfónica klingen. Genau so war es in meiner Vision, wenn alle diese Musik spielten. Und Cuban Sugar? Die Zuckerfee klang süß und berauschend.

Cross-Over Musik >>

Latin-Jazz Sinfónica!, das sind drei Genres, 65 Musikerinnen und Musiker und eine Herausforderung namens Cross-Over. Der Begriff steht für Überschneidung, Kreuzung, Überquerung. Latin, Jazz und Klassik werden bei Latin-Jazz Sinfónica! zu einem. Ein spannendes wie heikles Unterfangen. Dass Cross-Over sowohl bei Veranstaltern als auch bei Musik-Interessierten nicht immer für Begeisterung sorgt, war mir längst klar. Vor allem, wenn als Headline über einem Pressetext die Worte „Jazz“ und Sinfonie“ in einer Zeile erscheinen. Aber wie sollte ich unsere Musik sonst bezeichnen, um dem Zuhörer eine Richtung geben zu können? Bei Cross-Over lässt sich ja bekanntlich alles mischen, was irgendwie passt oder auch nicht passt. Grob gesehen kann man unser Programm natürlich schon als Cross-Over beschreiben, aber es würde das Thema verfehlen. Ein klassisches Werk oder ein Stück aus dem Popularbereich wurde von uns nicht als Samba, Rock, Batachata oder Salsa umfunktioniert, und das war auch nicht unser Ziel. Das aber versteht man langläufig unter Cross-Over. Oder etwas bereits Etabliertes durch ein Orchester zu erweitern, um den Werken etwas mehr Volumen zu geben. Unser Wunsch war ein anderer. Die klassischen Instrumente in einen klanglich harmonischen Kontext zum Jazz zu setzen, sodass sich daraus eine harmonische Symbiose der Instrumente ergibt, in der das eine ohne das andere nicht klingt.

Die Herangehensweise eines klassischen Musikers an ein Stück ist eine völlig andere als die eines Jazz- oder Latin-Musikers. Den Reiz im Jazz machen Improvisation über Akkorde und Ausschmückungen von Noten aus. Spontan auf eine gespielte Phrase eines Solisten zu reagieren, ist eine große Kunst und das Highlight eines Stückes. In der Klassik ist es genau das Gegenteil: In der Genauigkeit der notierten Töne zeigt sich das Können. Führt man die Genres zusammen, ist das gesamte Orchester gefordert, und der Dirigent wird nicht nur zum Gestalter, sondern auch zum Übersetzer der verschiedenen musikalischen Sprachen. Gelingt die Überschneidung von einem zum anderen, entsteht ein neues, ein beinah magisches Miteinander.

Latin-Jazz Sinfónica! verlangt von Programmschreiber, Arrangeur und Dirigenten Respekt vor den musikalischen Werken, Erfahrung für das Orchestrieren und Einfühlungsvermögen im Umgang mit den Musikerinnen und Musikern. Und von den Musikern verlangt es jedes Mal ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit.

Die Künstlerinnen und Künstler beider Richtungen erfahren bei jedem neu zu spielenden Programm nicht nur mehr über das jeweils andere Genre, sondern über den Menschen, der diesen Ton erzeugt. Es ist jedes Mal eine intensive und bereichernde Erfahrung. Entstanden ist eine non-verbale Kommunikation, eine eigene Sprache und Musik, die zwischen den Noten passiert und uns, das Orchester und seine Zuhörer, in ihren Bann zieht.

Andreas meisterte die Aufgabe des Dirigierens fast mühelos. Seine Ansagen waren klar und bestimmt, aber immer ruhig und freundlich. An seine Anweisungen mussten sich vor allem die Jazz-Musiker erst einmal gewöhnen, denn wenn ein Jazz-Musiker eines nicht gewohnt ist, dann einen Dirigenten, der sagt, wo es lang geht. Mit Christoph hatte ich doppeltes Glück. Einmal als Arrangeur und als Solo-Geiger, er war also auch Teil der Truppe. Das Werk (man kann es nicht anders nennen) „little Waltz in five“, das er für Latin-Jazz Sinfónica! komponierte, kann und soll auch kein anderer spielen.

Die erste Tour

Die Proben waren geschafft, und alle Musiker, Techniker, Tourmanager, Orchestermanager, Instrumenten-Transporteure, die Hallen, die gesamte Logistik, die Bühnen und noch viel mehr waren am Start. Es konnte also losgehen.

Es lag eine unglaubliche Spannung in der Luft, als der Bus von der Probehalle in Berlin zur Konzertkirche nach Neubrandenburg losfuhr. Wir, insbesondere Andreas, Christoph und ich, die das Ganze auf die Beine stellten, wussten schließlich nicht, wie unsere Musik ankommt. Das erste Stück gespielt und das Publikum erfreut – das war meine Hoffnung, und sie wurde sogar noch übertroffen. Somit war klar, dass Christoph und ich weitermachen werden. Direkt nach der Tour schrieben wir an einem neuen Programm für die Musiker und das Publikum, das den Jazz und die Orchestermusik ebenso liebt wie wir.

Aber zunächst wollen wir uns bei Euch, liebes Publikum, bedanken.

Wir freuen uns euch wieder bei einem unserer Konzerte zu sehen!

Julia Diederich